Der erste eigene Bogen ist ein aufregender Moment. Doch viele Einsteiger machen beim Kauf einen entscheidenden Fehler: Sie wählen ein zu hohes Zuggewicht. Die Logik scheint verlockend: „Je stärker der Bogen, desto besser treffe ich.“ Die Realität sieht anders aus. Ein zu schwerer Bogen führt zu Technikfehlern, Frustration und im schlimmsten Fall zu Verletzungen. In diesem Ratgeber erfährst du, wie du das passende Zuggewicht beim Bogenschießen ermittelst.
In diesem Ratgeber erfährst du, was das Zuggewicht wirklich bedeutet, welche Werte für Anfänger empfohlen werden und wie du mit einfachen Tests das optimale Zuggewicht für dich findest. Denn Bogensport ist Präzisionssport, Technik schlägt immer Kraft.
Das Zuggewicht bezeichnet die Kraft, die du aufbringen musst, um die Bogensehne vollständig auszuziehen. Es wird in Pfund (lbs) gemessen, nicht in Kilogramm, wie viele Einsteiger vermuten. Ein Pfund entspricht dabei etwa 0,45 Kilogramm. Ein Bogen mit 20 Pfund Zuggewicht erfordert also ungefähr die Kraft, die du brauchst, um zwei Milchtüten anzuheben.
Wichtig zu verstehen: Das angegebene Zuggewicht gilt standardmäßig bei einem Auszug von 28 Zoll. Diese Norm wurde von der Archery Trade Association (ATA) festgelegt. Ziehst du den Bogen weiter aus, steigt das tatsächliche Zuggewicht. Die Faustregel lautet: Pro Zoll Abweichung von der 28-Zoll-Marke ändert sich das Zuggewicht um etwa 1 bis 2 Pfund (je nach Wurfarmmaterial und Stärke).
Ein praktisches Beispiel: Du kaufst einen Bogen mit 25 Pfund Zuggewicht. Dein persönlicher Auszug beträgt jedoch 30 Zoll. Tatsächlich ziehst du dann etwa 27 bis 29 Pfund. Eine Differenz, die sich deutlich bemerkbar macht.
Beim Bogenschießen geht es nicht um Kraft. Hier sind Präzision, Reproduzierbarkeit und eine saubere Technik gefragt, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.
Meine Erfahrung zeigt: Ein vermeintlich zu leichter Bogen lässt sich auf Dauer präziser schießen, da man sich voll und ganz auf die Technik konzentrieren kann. Ein zu starker Bogen hingegen erfordert so viel Kraft, dass die Konzentration leidet und so eine falsche Technik angelernt wird.
Was passiert konkret, wenn das Zuggewicht zu hoch ist? Typische Technikfehler schleichen sich ein:
Die körperlichen Folgen sind nicht zu unterschätzen.
Das Problem liegt in der unterschiedlichen Anpassungsgeschwindigkeit deines Körpers. Muskeln passen sich relativ schnell an neue Belastungen an. Innerhalb weniger Wochen merkst du Fortschritte. Sehnen, Bänder und Gelenke brauchen jedoch Monate, um sich zu verstärken. Steigerst du das Zuggewicht zu schnell, überforderst du genau diese langsam anpassenden Strukturen.

Aufgrund etlicher Kundengespräche kann ich dir Folgendes sagen. Mindestens die Hälfte aller Kunden, die zuvor noch keinen Bogen geschossen haben, muten sich zu viel Zuggewicht zu und überschätzen ihre Kräfte. Häufig folgt nach einem kurzen Test zu Hause ein weiterer Anruf und ein anschließender Austausch der Wurfarme bzw. des ganzen Bogens, sofern es ein einteiliges Modell war.
Die folgende Tabelle bietet dir Richtwerte zum Bestimmen des passenden Zuggewichtes. Dein individuelles, optimales Zuggewicht kann abweichen. Deshalb sind praktische Tests entscheidend.
Bitte beachte: Ein wesentlicher Unterschied besteht zwischen Recurve- und Compoundbögen. Beim Compoundbogen reduziert das Let-Off das Zuggewicht im Vollauszug um ca. 60 bis 80 Prozent (modellabhängig). Das „Peak Weight“ (maximales Zuggewicht beim Ausziehen) liegt daher deutlich höher als die tatsächlich zu haltende Kraft.
| Schütze | Recurvebogen | Compoundbogen |
|---|---|---|
| Kinder 6-10 Jahre | 10-15 lbs | 15-25 lbs Peak |
| Jugendliche 11-14 | 15-20 lbs | 25-35 lbs Peak |
| Anfänger Frauen | 15-25 lbs | 25-35 lbs Peak |
| Anfänger Männer | 20-28 lbs | 35-45 lbs Peak |
| Fortgeschrittene Frauen | 25-35 lbs | 40-50 lbs Peak |
| Fortgeschrittene Männer | 28-40 lbs | 45-60 lbs Peak |
Die Empfehlungen unterscheiden sich je nach Bogenart leicht:
Recurvebogen: Der Kraftanstieg ist weitgehend linear. Je weiter du ausziehst, desto mehr Kraft brauchst du. Die Tabellenwerte sind daher konservativ gewählt, lieber etwas leichter starten.
Compoundbogen: Durch den Let-Off-Effekt liegt das Peak Weight deutlich über der Haltekraft. Bei 80 Prozent Let-Off und 40 Pfund Peak Weight hältst du im Vollauszug nur noch 8 Pfund. Trotzdem gilt: Der Auszug bis zum Peak muss sauber gelingen.
Langbogen: Hier tritt das „Stacking“ auf – überproportionaler Kraftanstieg bei den letzten Zentimetern des Auszugs. Wähle das Zuggewicht eher am unteren Ende der Empfehlung.

Egal ob dreiteiliger Recurvebogen oder einteiliger Langbogen. Das Zuggewicht deines Bogens wird in der Regel auf dem unteren Wurfarm angegeben. Du findest die Beschriftung meist seitlich oder auf der zum Schützen zeigenden Fläche, oft in einer Kombination aus Zahlen und Symbolen.
So liest du die Angaben richtig:
Eine typische Beschriftung sieht etwa so aus: 68″ / 24# @28″.
Bei Take-Down Bögen stehen häufig zwei Werte untereinander. Der Hintergrund ist darin zu finden, dass die Wurfarme mit verschieden Mittelstücken in verschiedenen Längen kombiniert werden können.
Der obere Wert beläuft sich in den meisten Fällen auf ein Mittelstück mit einer Länge von 25 Zoll. Dass ergibt zusammen mit den Wurfarmen einen längeren Bogen.
Der untere Wert definiert die Verwendung eines kürzeren Griffstücks. Hier reduziert sich entsprechend die Bogenlänge und das Zuggewicht steigt an.
Denn es gilt: Wenn die Wurfarme an einem kürzeren Griffstück montiert werden, steigt entsprechend das Zuggewicht an.
Die Bedeutung:
Wichtig zu wissen: Wenn dein persönlicher Auszug von 28 Zoll abweicht, ändert sich das tatsächliche Zuggewicht. Die Faustregel lautet:
Praxisbeispiel: Ein Bogen mit der Angabe „30#“ und einem Auszug von 30 Zoll (also 2 Zoll mehr als der Standard) hat in Wirklichkeit etwa 32-34 Pfund auf deinen Fingern. Bei nur 26 Zoll Auszug (2 Zoll weniger) wären es nur noch rund 26-28 Pfund.
Bei Compoundbögen sieht die Angabe anders aus, da hier Zuggewicht und Let-Off eine Rolle spielen. Hier findest du oft Angaben wie „50-60#“ (verstellbarer Bereich) und „80% Let-Off“. Das bedeutet, du ziehst maximal 60 Pfund, hältst im Vollauszug aber nur noch 12 Pfund.
Tabellen bieten Orientierung, doch die Praxis entscheidet. Mit diesen drei bewährten Tests findest du heraus, ob das Zuggewicht für dich passt.
Dieser Test zeigt dir sofort, ob ein Bogen zu deinen aktuellen Fähigkeiten passt:
Die Bewertung ist eindeutig: Kannst du 30 Sekunden ohne Zittern und ohne große Anstrengung halten? Das Zuggewicht passt. Beginnt leichtes Zittern nach 20 Sekunden? Du bist im Grenzbereich. Schaffst du keine 30 Sekunden oder zitterst stark? Der Bogen ist zu schwer.
Dieser Test geht tiefer:
Schaffst du alle 10 Wiederholungen sauber? Dann kannst du über eine Steigerung des Zuggewichts nachdenken. Brichst du vorher ab oder leidet deine Form? Bleibe beim aktuellen Gewicht oder reduziere es.
Besonders für instinktive Bogenschützen eignet sich dieser einfache Test. Beuge dich nach vorne, richte den Bogen auf den Boden und ziehe aus. Der Auszug sollte leicht fallen, ohne große Anstrengung möglich sein. Merkst du deutlichen Widerstand oder musst du kämpfen? Das Zuggewicht ist zu hoch für entspanntes, wiederholbares Schießen.
Wann ist das Zuggewicht zu leicht?
Auch zu leichte Bögen haben Nachteile. Anzeichen dafür sind: Das Visier findet keinen Zielpunkt mehr (zu viel Drop auf Distanz), die Pfeile „verhungern“ auf den letzten Metern zur Scheibe oder du ziehst regelmäßig über deinen Ankerpunkt hinaus. In diesen Fällen ist eine Steigerung sinnvoll.
Du hast mehrere Monate mit deinem Einsteiger-Zuggewicht trainiert und die Tests zeigen: Eine Steigerung ist möglich. Wie gehst du vor, ohne dich zu verletzen?
Die bewährte Faustregel lautet: Maximal 2 Pfund pro Monat. Diese konservative Steigerung gibt Sehnen und Bändern Zeit, sich anzupassen. Nach jeder Erhöhung des Zuggewichts solltest du 2 bis 4 Wochen bei diesem Niveau bleiben, bevor du weiter steigerst.
Progressive Überlastung funktioniert im Bogensport genauso wie im Krafttraining, nur deutlich langsamer. Wer versucht, innerhalb von drei Monaten von 20 auf 35 Pfund zu springen, riskiert Überlastungsschäden, die monatelange Pausen erzwingen können.
Dein Körper sendet klare Signale, wenn das Zuggewicht zu hoch ist:
Ignoriere diese Signale nicht. Eine Pause und Reduzierung des Zuggewichts um 3 bis 5 Pfund ist keine Niederlage, sondern intelligentes Training.
Dreiteilige Bögen mit ILF-System (International Limb Fitting) bieten einen entscheidenden Vorteil. Du kannst die Wurfarme austauschen, ohne einen neuen Bogen kaufen zu müssen. Ein Paar Wurfarme kostet zwischen 150 und 300 Euro. Deutlich günstiger als ein kompletter Bogenwechsel.
Das ILF-System hat sich als Standard etabliert. Wurfarme verschiedener Hersteller passen in das gleiche Mittelstück. Diese Investition in ein gutes Mittelstück lohnt sich daher langfristig.
Du kennst jetzt dein optimales Zuggewicht, wie findest du den passenden Bogen dafür?
Einsteiger im Recurve-Bereich sollten zu einem dreiteiligen Bogen greifen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Du kaufst zunächst ein Mittelstück (150 bis 200 Euro) und ein Paar Wurfarme im passenden Zuggewicht (100 bis 150 Euro für Einsteigerqualität). Steigst du später im Zuggewicht, tauschst du nur die Wurfarme aus.
Das ILF-System ermöglicht herstellerübergreifende Kompatibilität. Wurfarme von Samick passen in ein SF-Mittelstück, Hoyt-Wurfarme funktionieren mit Win&Win-Mittelteilen. Diese Flexibilität macht den Take-Down-Recurvebogen zur idealen Wahl für den Einstieg.
Keine Tabelle ersetzt das praktische Ausprobieren. Nutze diese Möglichkeiten:

Für den Einstieg in den Compound-Bereich eignen sich RTS-Sets (Ready-to-Shoot) mit breitem Einstellbereich. Diese Komplettsysteme kosten zwischen 550 und 800 Euro und lassen sich meist von 15 bis 70 Pfund Peak Weight verstellen.
Wichtig: Verwechsle das Peak Weight nicht mit der Haltekraft. Auch bei Compounds gilt: Lieber konservativ starten. Ein Einsteiger-Mann sollte mit 35 bis 40 Pfund Peak beginnen, nicht mit 60 Pfund, nur weil der Bogen es hergibt.
Für Anfänger empfehlen wir bei Recurvebögen 20 bis 25 Pfund für Männer und 15 bis 20 Pfund für Frauen. Bei Compoundbögen sind 35 bis 40 Pfund Peak Weight für Männer und 25 bis 30 Pfund für Frauen ein guter Einstieg. Wichtiger als Kraft ist eine saubere Technik, die du nur mit angemessenem Zuggewicht entwickeln kannst.
Ja, Steigerungen sind möglich und bei regelmäßigem Training auch zu erwarten. Halte dich jedoch an die Empfehlung von maximal 2 Pfund pro Monat. Bei Take-Down-Bögen tauschst du einfach die Wurfarme aus. Bei einteiligen Bögen oder Compounds mit festem Zuggewicht musst du einen neuen Bogen kaufen.
Das Peak Weight ist die maximale Kraft, die beim Ausziehen des Compoundbogens auftritt. Durch den Let-Off-Effekt reduziert sich diese Kraft im Vollauszug um 65 bis 85 Prozent. Bei 40 Pfund Peak Weight und 80 Prozent Let-Off hältst du im Vollauszug nur noch 8 Pfund. Trotzdem musst du die 40 Pfund beim Ausziehen sauber bewältigen können.
Am genauesten funktioniert die Messung mit einer Bogen-Zugwaage. Diese hängst du in die Sehne ein und ziehst den Bogen aus, während die Waage die maximale Kraft anzeigt. Alternativ bieten viele Vereine und Fachhändler kostenlose Messungen an. Bedenke: Das gemessene Zuggewicht gilt für deine individuelle Auszugslänge, nicht für den Standard von 28 Zoll.
Das optimale Zuggewicht ist kein Prestigethema, sondern die Grundlage für Erfolg im Bogensport. Die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst: Technik schlägt immer Kraft. Ein präziser Schuss mit 22 Pfund ist wertvoller als ein verzogener Versuch mit 35 Pfund. Lieber 5 Pfund zu leicht als 5 Pfund zu schwer.
Geduld bei der Progression zahlt sich aus. Maximal 2 Pfund pro Monat mögen langsam erscheinen, verhindern aber Überlastungsschäden, die dich monatelang zurückwerfen. Investiere in einen Take-Down-Bogen mit ILF-System. Die Flexibilität beim Wurfarmtausch spart langfristig Geld und ermöglicht dir, mit deinen Fähigkeiten zu wachsen.
Die Tabellen und Tests in diesem Ratgeber bieten dir eine solide Grundlage. Doch am Ende entscheidet die Praxis: Teste verschiedene Zuggewichte im Verein oder Fachhandel, bevor du kaufst. Dein Körper wird dir klar signalisieren, was passt und was zu viel ist.
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